Eine urige Wohnzimmer-Atmosphäre herrscht im Prime Time Theater in Berlin - Wedding und genau das zeichnet dieses Theater aus. Hier steht der Chef, Theatergründer und Schauspieler, Oliver Tautorat, noch persönlich an der Abendkasse und verkauft die Eintrittskarten (12 Euro oder Ermäßigt für 8 Euro).
Die Gäste kommen nicht nur aus der Umgebung, sondern auch aus dem Umland.
In den Abendvorstellungen, die unter dem Motto "Gutes Wedding Schlechtes Wedding" stehen, setzt die Autorin, Mitgründerin und Schauspielerin, Constanze Behrends, ihre Ideen und Eindrücke aus dem Kiez auf der Bühne gekonnt um.
An der Bar kann man sich vor und nach der Vorstellung mit Cocktails verwöhnen lassen, die mit und ohne Alkohol sehr beliebt sind. Dazu gibt es leckere Kleinigkeiten, die den Theaterbesuch abrunden.
Für kita.volavi gelang es mir mit Constanze Behrends und Oliver Tautorat ein Interview zu führen
Wie kommt man in der heutigen Zeit dazu noch ein Theater zu gründen?
Constanze: Wir haben ja ganz klein angefangen, mit nur 35 Sitzplätzen und zwei Vorstellungen pro Woche. Auch waren wir im Dezember 2003 nur zu zweit. Oliver hat die Bar geschmissen und ich stand an der Abendkasse. Die Einrichtung haben wir größtenteils aus unserem Wohnzimmer mitgebracht. So war der Kapitaleinsatz und auch die Verantwortung noch relativ überschaubar. Im Laufe der Jahre sind wir aber immer professioneller geworden und an unseren Aufgaben gewachsen.
Ihr seid ja eine tolle Mischung an Schauspielern. Wie habt Ihr das Team zusammengestellt?
Constanze: Alexander Ther ist schon seit der zweiten Folge dabei. Er hat vorher mit Oliver im Berliner Theater gespielt. Ursprünglich sollte er nur in der zweiten Folge den Dönerbudenbesitzer Onkel Ahmed spielen. Mittlerweile ist er aus unserem Ensemble nicht mehr wegzudenken. Jenny Bins und Robert Speidel haben wir über Castings gefunden. Jenny spielt schon seit über fünf Jahren bei uns. Unter anderem als Kiezschlampe Sabrina oder Richterin Clara Fall. Robert ist seit letztem Sommer im Ensemble. Er musste sich sogar durch ein online-Casting, vor dem eigentlichen Vorsprechen, kämpfen. Wir bekommen mittlerweile so viele Bewerbungen, dass wir zunächst eine Vorauswahl treffen müssen.
Euer Motto lautet, "Gutes Wedding, schlechtes Wedding". Warum gerade Wedding?
Oliver: Wir leben in Wedding und wollen hier auch arbeiten. Der Bezirk ist eine echte Perle, ein ungeschliffener Diamant, in dem die Berliner Schnauze, gemischt mit anderen Akzenten, überlebt hat. Wir fühlen uns hier sehr wohl.
Der Erfolg Eures Theaters spricht für sich. Habt Ihr das bei der Gründung erwartet?
Oliver: Überhaupt nicht! Aber die Idee einer (anfangs noch wöchentlichen) Theatersitcom ist eingeschlagen wie eine Bombe. Bereits in der Premiere der ersten Folge saßen fünf Zeitungsreporter und zwei Kamerateams. Es hat uns umgehauen. Seitdem haben wir viel gearbeitet, noch mehr gelernt und freuen uns immer noch wie verrückt über die Schlangen vor dem Theatereingang. Heute haben wir 220 Plätze und eine Auslastung von rund 95 %.
Am letzten Freitag war ich mit meinem Mann in der Folge 69. Sind die Folgen von Dir, Constanze, ausgedacht oder kommen die Ideen aus dem richtigen Leben?
Constanze: Alle bisher 70 Folgen sind ausgedacht und von mir geschrieben. Die Ideen basieren aber oft auf Personen, die ich kenne oder Dingen, die ich erlebt oder erzählt bekommen habe. Auch die Schauspieler improvisieren manchmal und nehmen Kleinigkeiten dazu. Am wichtigsten ist aber, dass ich alle Figuren liebe und sehr gut kenne und mir immer wieder überlege: Wie könnte es mit Kalle weitergehen? Wo treibt sich Eische eigentlich so lange rum? Oder Nina und Sina müssten mal wieder ein Lied singen!
Welche Rolle bevorzugst Du, die als Schauspielerin oder als Autorin?
Constanze: Als Autorin bin ich sozusagen die Mama aller Figuren. Das ist ein tolles Gefühl. Ich stehe hinter der Bühne und freue mich über jeden einzelnen Witz, der ankommt. Auf der Bühne zu sein macht aber auch tierisch Spaß. Dabei kann ich die Sau raus lassen und gerade als Heidemarie Schinkel oder Nina richtig rumspinnen. Auch habe ich durch das Spielen ja erst das Schreiben gelernt. Ich denke, die Mischung macht's! Nur Autorin sein, wäre mir zu einsam und nur Schauspielerin, würde mich nicht ganz ausfüllen.
Zu Beginn jeder Veranstaltung improvisierst Du, Oliver, um jedem Zuschauer einen Platz zu ermöglichen. Ob Barhocker oder Sitzkissen, jedes Möbelstück scheint Dir dabei gelegen zu kommen. Bist Du auch im täglichen Leben ein Improvisationstalent?
Oliver: Als Theaterleiter und neuerdings auch Chef unserer Prime Time Kantine muss ich das sein. Es passieren jeden Tag so viele unvorhergesehene Dinge und Probleme erfordern kurzfristige Lösungen. Die Stühle unseres Restaurants kamen zum Beispiel erst zweieinhalb Stunden vor der Eröffnung und mussten noch zusammengeschraubt werden. Dann fallen manchmal Mitarbeiter oder die Bühnentechnik aus und ich muss alles umplanen, neu organisieren und notfalls selbst reparieren. Aber zum Glück bin ich, in meinem erlernten Beruf als Schauspieler, kreativ. Das hilft gewaltig.
Welche Pläne habt Ihr für das Theater?
Oliver: Wir wünschen uns, dass "GWSW" weiterhin so beliebt ist, die Kantine gut anläuft und wir hoffentlich in den nächsten Jahren mal wieder eine Förderung bekommen. Das Theater trägt sich zwar bisher ganz gut von selbst, aber wir müssen immer mit dieser hohen Auslastung kalkulieren. Ohne Fördergelder können wir uns nicht an Stücke jenseits von "Gutes Wedding, schlechtes Wedding", wagen, an denen wir aber künstlerisch wachsen könnten.
In Eurem Theater herrscht eine Wohnzimmer-Atmosphäre. Habt Ihr vor diesen Stil eines Tages zu ändern oder ist es genau das, was die Leute anlockt?
Oliver: Die Wohnzimmer-Atmosphäre hatten wir, wie gesagt, von Anfang an, da die erste Couch im Foyer tatsächlich aus unserem Wohnzimmer stammte. Aber wir wollen das familiäre Gefühl auf jeden Fall beibehalten. Wir machen Pop-Theater gerade auch für Menschen, die sonst eher nicht ins Theater gehen. Ohne Samtvorhänge und Garderobieren ist die Hemmschwelle einfach geringer. Außerdem wird jeder Gast, von Oliver in Rolle, an der Abendkasse begrüßt. Der Spaß fängt bei uns eben an der Kasse an. Auch weil's so günstig ist.
Ihr seid nun stolze Eltern einer Tochter. Könntet Ihr Euch vorstellen eines Tages mit dem Nachwuchs auf der Bühne zu stehen oder vielleicht eine Kindertheater zu organisieren?
Constanze: Ja, unsere kleine Sophia ist jetzt 6 Monate alt und unser ganzer Stolz. Ob sie mal auf die Bühne möchte oder nicht, überlassen wir ihr - und mit Kindertheater haben wir sogar angefangen. Eines unserer ersten Stücke war "Der kleine Prinz". Damit sind wir vormittags durch Schulen und Kindergärten getingelt. Heute lese ich das Buch Sophia vor dem Einschlafen vor und verstelle dabei meine Stimme.
Neben Eurem Theater entsteht ein Restaurant. Was versprecht Ihr Euch davon?
Oliver: Genau. Die Prime Time Kantine hat seit Mitte April geöffnet und serviert deutsche und mediterrane Hausmannskost. Unsere Überlegung war, dass Menschen, die gerne lachen, meist auch gerne essen. Zumindest ist das bei uns beiden so. Neben einem günstigen Mittagstisch servieren wir abends die Lieblingsspeisen der "GWSW" Figuren. So kann der Gast zum Beispiel Ullas Liebling (ein mit Würzfleisch überbackenes Schweinesteak) genießen und die Kalorien anschließend beim Lachen wieder verbrennen. Außerdem hat die Kantine bis Mitternacht warme Küche und da sind wir sehr eigennützig. Wir gehen gerne nach der Show essen und sonst hat nix auf.
Inzwischen gibt es ja treue Fans, die regelmäßig Euer Theater besuchen. Was glaubt Ihr, lockt die Besucher immer wieder zu Euch?
Constanze: Unsere Stammgäste mögen die freundschaftliche Atmosphäre. Wir sind keine Stars, die durch den Hinterausgang verschwinden. Wir sind eher die lustigen Onkels und Tanten, die auf Familienfeiern den Klassenclown geben. Auch wollen unsere Gäste wissen, wie es mit ihren Lieblingsfiguren weitergeht. Jede Rolle hat ihre Fangemeinde und wenn Ulla oder Molly eine Weile nicht dran waren, dann fragen mich die Zuschauer nach ihnen und ich baue sie bald wieder ein.
Den kleinen Einblick in Euer Theater und Eure Arbeit fand ich sehr interessant und danke Euch sehr für Eure Zeit und die ausführlichen Antworten. Für all Eure Projekte wünsche ich Euch weiterhin viel Erfolg und natürlich alles Gute für Eure kleine Tochter.
Angela Planert
Quelle: YouTube
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