"Du hast das heimlich aufgenommen?" "Ja, so wie die heimlich über uns reden." "Über wen sonst? War doch Elternabend." "Na und? Lädt vielleicht der Chef von meinem Vater mich ein? Dem könnte ich was erzählen." "Und Dein Vater wäre morgen ohne Job." "So ein Schnelles raus aus der Schule schaffen wir leider nicht."
"Jetzt hört doch mal zu!" "Also jetzt. Sch!" Zehn Ohren wurden spitzer. Leises knacken, dann:
"Ich begrüße Sie, als Gruppendynamiker Ihrer Kinder in der Klasse 9b unserer Schule. Gut, dass wir beim Elternabend wenigstens einmal im Jahr, so wie die Schüler aus Berlin zweimal in der Woche, mitsamt Körper im selben Raum sitzen.
Das gilt natürlich nur für die Eltern der 15 Schüler aus Berlin. Verkehr ist eben out, seitdem das Klima spinnt. Deshalb an den Bildschirmen - hier - begrüße ich einige Eltern von den anderen 308 Schülern, die global und virtuell bei manchen Schultagen zugeschaltet werden."
"Hallo!" Viele Stimmen.
"Können wir Eltern diese Cyber-Anzüge zum Tasten und Fühlen ausprobieren, fürs virtuelle Intensiv-Leben?"
"So richtig mit anonymisiertem Sex?"
"Quatsch, das ist fürs Begegnen mit Cyber-Telepräsenz. Na ja, schon zum Umarmen und mehr, gezielt mit jungen Schülern im Ausland."
"Und da weiß man nicht mit wem ...?
"Na den Avatar kennt man, Die Aktion ist zeitverschoben, kombiniert aus verschiedenen Zeitpunkten der Teilnehmer. Selber probieren bitte in der Pause. Aber für die Begegnungsspeicher der Schüler gilt Datenschutz. Da müssen Sie sich schon selbst einbringen, wie im cbt."
"Cbt?"
"Na computer based training, ein Beispiel aus der 9b ist Mathe zum Bau einer Windmühle aus Kaffeedosen, später macht die Abiturklasse ihre Gen-Variationen des ökologischen Dackels."
"Der frisst dann statt Weißwürsten lieber Sägemehl?"
"Macht er. So was bringen Schüler auf die Reihe. Unsere Sorge sind die Schultage für KE, die künstliche Emotion. Läuft öfters aus dem Ruder. Randale am Ende. Das kann an einer verzerrt natürlichen Emotion in der Familie liegen."
"Fiel mir auch auf, Wohnzimmer in Trümmern. Passiert nur am KE-Schultag, liegt also nicht an uns, wir sind mehr Patch als Familie. Wir machen in Harmonie, bis einer nervös wird, dann fliegt alles auseinander, ja kein Streit."
"Streit wäre aber Leidenschaft, das käme an. Ohne Streit, das ist lieblos, da kriegen die Kinder nie Geborgenheit, sie sind selber nirgends zu Hause."
"Wozu, so was sortiert sich doch auf dem Schultag für Ethik-Blogs und Edukationsforen von alleine."
"Kann es nicht, ohne Identität ist keiner da, der sortiert."
"Selbstständig werden nur die Schüler, die früh viel Wohlwollen gefunden haben, in Familie, oder Hort, Schule, sonst wo. Wobei sich Lehrer heute als Partner verstehen."
"Die umgeschulten Lehrer sind nicht die Schlechtesten."
"Wenn ihnen die Schüler genug beigebracht haben."
"Weil sie den Analphabit nicht ertragen haben."
"Seitdem die Schüler so Computersprachen als gleichwertig am Sprach-Schultag wählen konnten, sind alle Natursprachen außer Englisch fast verschwunden."
"Aber Sprachkonserven für Wehmütige sind noch da."
"Wie denn, Latein ohne Lateinlehrer?"
"Sind Schnupperkurse, reicht doch für alte Kultur wie Asterix."
"Und wieso gibt es da noch den guten, alten Musikunterricht?"
"Ist der gute neue: Bach war das erste Software Genie, die Orgel der erste wohltemperierte Computer. Kann man hören, pädagogisch super."
"Und das mit dem online Konzert klappt?"
"Na bis zu 323 Schüler, reicht für ein Orchester, soviel Platz in einem Schulraum hätte eh keine Schule mehr."
"Telepräsenz."
"Ja, durch den Cyber-Anzug von Nintendo mit dem neuen Kung-Fu-Ballet; animiert übrigens bestens zur Bewegung, gegen Verfettung."
"Die Realität da draußen ist sowieso trostlos, ganze Städte in grauem Schlick, Sonne zu grell, vom Auspuff gepfurzte Luft zum atmen."
"Ohne Cyber-Anzüge würde die Jugend rebellieren."
"Ich auch."
Hier knackte es im Gerät, die Schüler wurden unruhig.
"Nee, weiter is nich. Batterie war alle."
"Mist."
"Ich sag's Euch, lieber alles kurz und klein hauen, als weiter so ein Anpassungstraining."
"Und dann wohin? Agrar, Industrie, alles ist unterirdisch, knallhart abgesichert, geht nicht anders."
"Wir kriegen doch bald den 5. Schultag für Sozialbetreuung."
"Ja, expandieren geht heute nach Innen, liebevoll zu Kleinstkindern, Älteren, Behinderten, Minderheiten aller Art."
"Wer schafft das schon?"
"Nur die paar, die in der Kindheit liebevoll versorgt wurden."
"Die kriegen die Super Jobs, echte Liebes-Bonis, ganz anders als noch vor zehn Jahren."
"Für die übrigen Jobs werden Einfühl-Robots gebaut."
"Die sitzen am 5. Schultag mit dabei."
"Als Erzieher?"
"Nein, sondern zu deren Erziehung."
"Wie?"
"Na, es soll ihren Lebendigkeitsneid besänftigen."
"Also ist der 5. Schultag gar nicht für uns."
"Nicht wirklich."
"Na denn, da krieg ich selbst Neid."
"Worauf denn?"
"Wenn ich das wüsste ... na, fühlt sich an wie Heimweh nach ich weiß nicht was, ah ja, ich sag Mal ich spür' einen virtuellen Lebendigkeitsneid."
Eine Kurzbiographie ...:
Philipp Sonntag, geb. 1938 in Halle/Saale, hat als Wissenschaftler Themen untersucht wie "Zusammenbruch und Wiederaufbau von Gesellschaften in und nach Katastrophen", und "Steuerbarkeit und Störbarkeit der Informationsgesellschaft". Seit 2001 Essayist. Zu aktuellen Schriften siehe
philip-sonntag.de
Ph. Sonntag ist zugleich ceitmaschinennavigator von www.c-base.org,
siehe ein Bild von phila in seiner ceitmaschine:
phila.crew.c-base.org. Der Text "Lebendigkeitsneid" ist ein Hack-load aus 2035, und kam durch die Kausalitätszensur für eine Übertragung nach 2009, weil es in dem Jahr sowieso noch keiner so richtig glaubt.